- Offizieller Beitrag
Hallo liebe Bienenfreunde,
Bruder Adam (Karl Kehrle) gilt bis heute in weiten Teilen der Imkerschaft als unanfechtbare Ikone der Bienenzucht. Mit der Entwicklung der Buckfast-Biene, seinen weltweiten Sammlungsreisen und seinen Standardwerken hat er die moderne Imkerei unbestreitbar geprägt.
Doch so bedeutsam seine imkerlichen Lebensleistungen auch waren: Seine Schriften werden noch immer oft wie ein unumstößliches Evangelium zitiert. Schaut man sich seine Thesen jedoch aus heutiger Sicht – unter Einbeziehung moderner Genetik, Evolutionsbiologie und praktischer Zuchterfahrung – genauer an, zeigen sich gravierende wissenschaftliche und praktische Fehlschlüsse.
In diesem Beitrag möchte ich vier seiner zentralen Thesen aufgreifen und sachlich widerlegen.
1. Die Legende von der Ausrottung der Dunklen Englischen Biene
In seinen Büchern begründete Bruder Adam den Notwendigkeitsimpuls zur Erschaffung der Buckfast-Biene vor allem mit dem angeblichen Totalverlust der einheimischen Bienen Rasse auf den Britischen Inseln durch die Tracheenmilbe (Acarapis woodi). Er schrieb dazu wörtlich:
Zitat„Diese Rasse [Anm.: gemeint ist die Dunkle Englische Biene] gehört der Vergangenheit an, sie existiert nicht mehr. Sie fiel der Milbenepidemie gänzlich zum Opfer. Unsere Erprobungen und Versuche belegten einwandfrei, daß die heute in England vorhandenen Reste der dunklen Biene keineswegs, wie hin und wieder angenommen wird, der altenglischen Biene entstammen, sondern aus Importen der französischen Varietät.“
Warum diese These falsch ist:
- Historische Faktenlage: Weder die zeitgenössische Wissenschaft noch die breite britische Imkerschaft haben ein vollständiges Erlöschen der Dunklen Englischen Biene je bestätigt. Die Behauptung des Totalaussterbens war eine pauschale Annahme, die als Legitimation für die Züchtung einer neuen Kombinationsbiene diente.
- Überleben auf den Inseln: Bis heute existieren auf den Britischen Inseln (insbesondere in Schottland, Irland, Wales und abgelegenen Teilen Englands) ursprüngliche Bestände der Dunklen Biene (Apis mellifera mellifera).
- Genetische Einheitlichkeit: Seine Behauptung, vorhandene Restbestände seien bloß moderne Importe der „französischen Varietät“, bricht an der Genetik: Zwischen der Dunklen Biene Englands, Frankreichs oder Mitteleuropas lassen sich genetisch kaum Trennlinien ziehen. Die Dunkle Biene ist in ganz Nord- und Westeuropa aufgrund ihrer sehr jungen nacheiszeitlichen Wiederbesiedlung vor etwa 10.000 Jahren genetisch außerordentlich einheitlich.
Glücklicherweise konnte die Dunkle Biene bis heute ist Restbeständen rein erhalten werden. Jeder, der sich für die Dunkle Biene interessiert, ist heute in der Lage, reine Dunkle Königinnen, selbst aus britischer Herkunft, zu beziehen.
2. Das Rassen-Chaos der „Intermissa-Rassengruppe“
Ein weiterer schwerwiegender Irrtum findet sich in Bruder Adams systematischer Taxonomie. Er ordnete die Dunklen Bienen West- und Nordeuropas zusammen mit afrikanischen Bienenstämmen in eine gemeinsame „Intermissa-Rassengruppe“ ein.
Warum diese These falsch ist:
- Biologische Systematik: Zur tatsächlichen Intermissa-Gruppe (Mittelmeer- bzw. afrikanischer Zweig der M-Linie) gehören taxonomisch ausschließlich die nordafrikanische Tellbiene (Apis mellifera intermissa), die Rif-Biene (A. m. major) sowie die Inselpopulationen von Malta (A. m. ruttneri) und Sizilien (A. m. sicula).
- Eigenständigkeit der europäischen M-Linie: Die Dunkle Europäische Biene (Apis mellifera mellifera) und die Dunkle Iberische Biene (Apis mellifera iberiensis) bilden eine hiervon klar getrennte, eigenständige europäische Rassengruppe. Bruder Adam hat hier Populationen zusammengeworfen, die zwar evolutionär entfernte Verwandte der M-Linie darstellen, sich aber in Verhalten, Morphologie, Genetik und Anpassung an gemäßigte Klimazonen grundlegend unterscheiden.
Nun mag manch einer behaupten, und das zu Recht, dass Bruder Adam damals noch nicht die Ergebnisse der DNA-Analyse zur Verfügung standen. Völlig korrekt. Doch auch damals schon waren Flügeluntersuchungen und Analysen der Enzyme möglich, und anhand dieser Untersuchungen wäre es auch zu Zeiten Bruder Adams möglich gewesen (Prof. Dr. Friedrich Ruttner hat es ja bewiesen), die Unterartengruppen sauber und korrekt zu definieren.
3. Der Trugschluss: Reinzucht sei eine „genetische Sackgasse“
Bruder Adam vertrat vehement die Auffassung, dass die Reinzucht innerhalb einer geschlossenen Rassenpopulation unweigerlich zur genetischen Verarmung und zu schweren Inzuchtdepressionen führe. Rassenreinzucht bezeichnete er sinngemäß als genetische Sackgasse.
Warum diese These falsch ist:
- Blick in die Natur: Sämtliche rund 25 bis 30 Unterarten der Westlichen Honigbiene (Apis mellifera) sind über Hunderte von Jahrtausenden genau durch diesen Mechanismus entstanden: durch geographische Isolation und geschlossene Fortpflanzungsgemeinschaften. In natürlichen Populationen treten Inzuchtdepressionen bei der Honigbiene durch Reinzucht nicht auf.
- Grundsatz der Tierzüchtung: In der gesamten Nutztierzucht ist die Reinzucht das einzige verlässliche Werkzeug, um erwünschte Eigenschaften homozygot zu festigen, den Genpool gezielt auf positive Merkmale zu konzentrieren und dauerhaften Zuchtfortschritt zu erzielen. Die pauschale Behauptung, Reinzucht führe automatisch zum Niedergang einer Bienenrasse, entbehrt jeder populatiosgenetischen Grundlage.
Bruder Adam spielt heute in der Bienenzüchtungskunde der Britischen Inseln keine Rolle mehr.
4. Der Geruchs-Irrtum beim Zusetzen von Königinnen
Auch in der imkerlichen Praxis hinterließ Bruder Adam fehlerhafte Annahmen. Er behauptete steif und fest, dass es beim Zusetzen einer Königin in ein fremdes Volk nicht auf den Geruch, sondern einzig und allein auf das Verhalten der Königin ankomme.
Warum diese These falsch ist:
- Pheromonale Erkennung: Honigbienen orientieren sich im Stock primär über Gerüche. Sie unterscheiden volks- und rassenspezifische Pheromonspektren mit höchster Präzision.
- Der Praxisbeweis: Wer eine legebereite Carnica-Königin direkt auf die Wabe eines entweiselten Volkes der Dunklen Biene setzt, wird erleben, dass die Königin augenblicklich attackiert und eingeknäuelt wird – völlig unabhängig davon, wie ruhig oder „ordnungsgemäß“ sie sich verhält. Ursache ist der rassenspezifische Fremdgeruch.
- Effekt beim Zeichnen: Selbst bei einer Königin aus dem eigenen Volk zeigt sich dieser Faktor: Wird eine Königin entnommen, mit einem Zeichenstift oder Lack markiert und sofort wieder auf die Wabe gesetzt, greifen die eigenen Bienen sie häufig an. Nicht etwa, weil sich ihr Verhalten geändert hätte, sondern weil der Anstrich einen fremden chemischen Geruch abgibt, der den eigenen Volkesgeruch überdeckt.
Fazit
Bruder Adam war ohne Zweifel ein leidenschaftlicher Praktiker seiner Zeit. Doch seine Theorien zur Rassenkunde, zur Genetik und zur Bienenphysiologie hielten der nachfolgenden wissenschaftlichen Überprüfung in vielen Punkten nicht stand. Wenn wir die Erhaltung und Zucht der Dunklen Biene (Apis mellifera mellifera) heute nachhaltig betreiben wollen, müssen wir uns auf gesicherte biologische und genetische Erkenntnisse stützen – statt historische Lehrmeinungen unkritisch zu übernehmen.
Wie sind eure Erfahrungen zu diesen Themen? Habt ihr beim Zusetzen oder bei der Reinzucht ähnliche Beobachtungen gemacht? Ich freue mich auf eine sachliche und fundierte Diskussion!
Beste Grüße,
Kai